Unsere Kirche Mariä Heimsuchung

Liebe Christen,
 
Was ist das für ein Raumgefühl hier in diesem Gebäude?
Wie fühlen Sie diese Kirche?
Wie spricht dieser Raum unsere Seele an und unser Miteinander?
Mich beeindrucken besonders die Säulen und Deckenbalken.
Wie Rippen kommen sie mir vor, ja wie Bootsspanten.
Wenn man ein Faltboot aufbaut, dann hat man die ja in der Hand.
Kirche als Schiff. Vielleicht hatte der Architekt so eine Idee.
Dann erklärt sich auch die runde Fensterform.
Wie Bullaugen eines Schiffes.
Wie in einem Schiffsbauch sind wir hier zusammen.
Das Schiff als religiöses Ursymbol?
Ja, die Arche. Ein Urbild der Menschheit.
Und von außen sieht die Kirche dann auch so aus.
Wie die gelandete Arche auf dem Berg Ararat.
Gelandet, Gerettet, übrig geblieben, überlebt haben,…
Diese Erfahrung der Gründergeneration drückt unsere Kirche aus.
Wenn man oben auf dem Berg ein Schiff findet, dann fragt man sich:
wie kommt das hier rauf, und findet’s vielleicht sogar zuerst einmal lustig.
Bis einem die Sintflut dämmert, diese furchtbare Urkatastrophe.
Die Nazizeit, der 2. Weltkrieg als eine solche Urkatastrophe.
Diese Erfahrung ist hier eingebaut. Heimsuchung könnte man sie
nennen. Und was für eine Heimsuchung Gottes.
Deshalb dieser Name, der an die Katastrophe erinnert: Heimsuchung.
Der Name Mariens beschwört die frauliche Erfahrungslinie der
Katastrophenerfahrung. Das Binsenkörbchen.
Dieser verzweifelte Mut der jüdischen Frau, ihr vom Holocaust
bedrohtes Kind im Binsenkörbchen auszusetzen.
Arche, Binsenkörbchen: Gott trägt durch, Gott rettet. Ja eine wunderbare Erfahrung.
Darin steckt aber zuerst einmal eine ganz tiefe Verstörung: Und was ist mit den anderen:
die von der Katastrophe weggespült wurden, wie vom Tsunami? Sie sollen nicht vergessen sein.
Die verstörten Seelen der Überlebenden.
Sie kennen aus dem Fernsehen die Schreckgesichter der Flüchtlinge,
die solchen Seelenverkäuferschiffen entsteigen:
Gerettet, durchgekommen, sagen sie: aber, was ist mit den anderen?
So ist diese Kirche auch ein Geheuchnis gegen das schnöde Vergessen.
Die Opfer dieser Heimsuchung, dieser Kriegskatastrophe nicht vergessen!
Die jugendbewegten Katholiken des Bunds Neudeutschland, die zu Tausenden im Krieg gefallen sind! –
Ihre überlebenden Freunde haben diese Kirche mit gebaut als Erinnerung an die vom Krieg zerstörten Freunde.
Ihre verstörten Seelen suchten Zuflucht in diesem Rettungsraum.
Sie wollten sich in der Marienerfahrung bergen, sie beschwören dieses junge Mädchen,
das Flucht und Holocaust und persönliche Katastrophe als Heimsuchung kannte. Und sie beschwören die Wende in den Segen.
Heimsuchung - ein Wort für die Katastrophe. Heimsuchung ist aber auch ein Segenswort.
Ja, die vom Schicksal Gebeutelten, die stellt Gott in seinen Segensregenbogen. Er heilt, vom Horror zum Segen. Heimsuchung.
Das ist auch die Botschaft unseres Kirchenraumes. Oh, das ist sehr gewagt. Diese Wende vom Horror zum Segen überhaupt für möglich zu halten.
Wem das Herz nicht außer Tritt gekommen ist in diesem ganzen Horror, der weiß nicht, was Heimsuchung ist.
Wer nicht die ganze Heimatlosigkeit der Seelen der Überlebenden nachvollzieht der kann auch nichts zum Segen sagen. Und doch schildern mir viele von Euch dieses halbe Jahrhundert als eine Fahrt zum Segen.
Weniger der materielle Segen, sondern der Segen, dass die schlimmsten Wunden erträglich geworden sind.
Kann man sagen, geheilt sind? Die Zeit heilt nicht alle Wunden.
Und Jesus besetzt das Schiff der Seinen oft mit verletzten Leuten.
Die aber auch ein Zeugnis der Heilung geben. Heimsuchung. Gott sucht die vom Schicksal Wundgescheuerten heilend heim. Heimgesucht ins Rettungsschiff, ins Heilungsschiff. Fahrzeuggefühl in unserer Kirche.
Ja, manchmal, wie ein Lazarettschiff, oder wie ein Rettungsschiff, wie die Cap Anamur.
Ein Rettungsschiff, das die Leute aus den Seeelenverkäuferschiffen aufsammelt ins Heilungsschiff.
Nein, wir sind kein Luxusdampfer. Dafür brauchen wir uns auch nicht zu schämen. Aber ein Heimsuchungsschiff der Heilung. – Schiffsgefühl in dieser Kirche. Wer kennt ein Lied von einem Schiff aus dem Gesangbuch?
Das neuere: ein Schiff, das sich Gemeinde nennt. Es beschwört den Teamgeist in diesem Rettungsschiff.
Ich meine aber noch ein anderes, älteres Schiff-Lied:
Es kommt ein Schiff geladen. Das ist ganz wichtig. Nicht wir müssen den Kahn ständig flott halten, nicht unsere Eigenbewegung ist wichtig. Sondern diese stille und starke Bewegung, die das Lied ausdrückt:
Es kommt ein Schiff geladen. - Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last.
Uns kommt dieses Gottesschiff entgegen mit seiner ganzen stillen Wucht.
Die Beter in dieser Kirche sind vor dieser schwarzen Wand ausgerichtet auf das Wunder des göttlichen Entgegenkommens hin. Ja aus beiden Schiffen wird eins: Christus wird uns hereingetragen von der heimgesuchten Maria und wir werden erfasst von der stillen Trift des Gottesschiffs.
Wir erfahren hier das Gewicht der Liebe. Die Gravidität der Liebe. Geladen bis an sein höchsten Bord. Und die Dynamik der Liebe. Das Segel ist die Liebe. Also, die Arche Gottes:
Dieses gestrandete Gehäuse des überlebens gibt der Rettung Raum, der Heilung und der Gottbegegnung.
- Fahrzeuggefühl in dieser Kirche. Wo geht die Fahrt hin in diesem neuen Jahrhundert? Ein Raum für Rettung und Heilung des Menschsein wird notwendig sei. Auch wenn die Menschen lange dran vorbei laufen, bis sie seine Notwendigkeit spüren.
Vor allem aber das Schiff der Gottesbegegnung. Lassen wir uns von ihm mobilisieren. Auf seine stille, aber mächtige Art.
Trauen wir uns, fromm zu sein. Stehen wir unverbrüchlich zu den heimgesuchten Geschöpfen.
Dann feiern wir hier in dieser Kirche den Anbruch der Gottesherrschaft, den Anfang der ewigen Seligkeit.

 
Albert Dexelmann


 

Letzte Aktualisierung: 27.02.2008